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Altruismus – eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, eine Geisteshaltung oder eine Investitionsgelegenheit?

Bericht zur Podiumsdiskussion der Ethos Académie am 14. Juni 2017 in Zürich

von Dorothea Baur, Vorstandsmitglied der Ethos Académie

Einleitung

Vor dicht gefüllten Rängen fand am 14. Juni 2017 in Zürich die Podiumsdiskussion von Ethos Académie zum Thema „Altruismus“ statt. In drei Referaten wurde das Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erläutert: Daniel Binswanger, Redakteur und Kolumnist bei der Zeitschrift Das Magazin, konzentrierte sich auf die volkswirtschaftliche Bedeutung von Altruismus im Dienste der Gleichheit und des Wirtschaftswachstums. Georg Engeli, gebürtiger Basler, tätig als unabhängiger Berater, Therapeut und Autor in Buenos Aires, legte den Fokus auf Welt- und Menschenbilder, welche die wahren Leitbilder unseres altruistischen Handelns darstellen. Und Falko Paetzold, Direktor des neu geschaffenen Center for Sustainable Finance and Private Wealth an der Universität Zürich, propagierte die Nutzung des unermesslichen Vermögens, welches in den Händen weniger so genannter ‚ultra high net-worth individuals’ liegt zugunsten der Nachhaltigkeit.

Altruismus als volkswirtschaftliche Notwendigkeit

Konkret vertrat Binswanger einen sogenannt rationalen Altruismus im Sinne des Utilitarismus. Dem Altruismus geht es hier nicht in erster Linie um Gerechtigkeit, sondern um Effizienz. Er ist notwendig, um der Ungleichheit, die global um sich greift, entgegenzuwirken. Binswanger legte anhand makroökonomischer Daten dar, dass sich Ungleichheit negativ auf Wirtschaftswachstum auswirkt. Er erinnerte an den Altruismus von Henry Ford, den Erfinder des Fliessbands, der anfangs des 20. Jahrhunderts die Löhne seiner Arbeiter über Nacht um das Dreifache erhöhte. Was vom Wall Street Journal als Katastrophe beurteilt wurde, zahlte sich für Ford deutlich aus: die Arbeitnehmer investierten nämlich ihren neu gewonnenen Reichtum in neue Fahrzeuge, und zwar in solche der Marke Ford. In der Eurozone des 21. Jahrhunderts werden gemäss Binswanger Altruisten im Sinne Fords bestraft: Deutschland unterbietet mit seinen extrem tiefen Lohnstückkosten alle Mitbewerber. Dadurch wird insbesondere Frankreich, wo eine ‚vernünftige’ Lohnentwicklung stattfindet, und wo Produktivitätsgewinne an die Lohnempfänger weitergegeben werden, abgehängt und ist nicht mehr konkurrenzfähig. Die Tatsache, dass die Robotisierung den Druck auf Arbeitnehmer zusätzlich verstärken wird, erfordert in Zukunft sogar noch mehr Altruismus. Bleibt dieser aus, gerät die freie Marktwirtschaft, die wir uns wünschen, immer stärker ins Wanken und die Verzerrungen zugunsten der Oberschicht werden noch mehr zunehmen.

Altruismus als Geisteshaltung

Im zweiten Referat argumentierte Georg Engeli, dass unsere Welt- und Menschenbilder oft so tief in uns verhaftet sind, dass wir vergessen, dass es sich dabei nur um Annahmen, nicht um die Realität handelt. Dadurch wird die äussere Welt zum Abbild unserer inneren Bilderwelten. Untermalt von eigenen Zeichnungen legte Engeli unterschiedliche Blickwinkel auf Bedürftigkeit und Leid dar. Er argumentierte, dass gerade bei institutionellen Vorhaben Akte des Gebens von der Idee eines ‚do ut des’ überlagert werden. Man erbringt eine Leistung und erwartet eine Gegenleistung; wir leihen Geld, um es mit Zins zurückzuerhalten; wir geben, um unsere Reputation zu verbessern. Der Altruismus wird hier zum Geschäft und von der Sprache der Wirtschaft dominiert. Business wird zum Königsweg für altruistisches Handeln und im Extremfall wird sogar die Not zum Business, zum sogenannten ‚business with the poor’. Engeli rief auf zu einem Dialog, der sich mit der Hinwendung zum Ganzen befasst, nicht nur zu Teilen und Fragmenten. Um diesen Dialog zu ermöglichen, müssen wir einen Schritt zurücktreten und uns von eingefleischten Annahmen, mit denen wir unser Hiersein und unser Tun rechtfertigen, lösen.

Altruismus im Kontext von "sustainable finance"

Als dritter Referent trat Falko Paetzold, Direktor des neu geschaffenen Center for Sustainable Finance and Private Wealth an der Universität Zürich, vors Publikum. Er konzentrierte sich explizit auf die Nutzung des unermesslichen Vermögens, welches in den Händen weniger so genannter ‚ultra high net-worth individuals’ liegt zugunsten der Nachhaltigkeit. Paetzold beobachtet einen Sinneswandel unter den Erben der reichsten Familien dieser Welt: diese wollen ihr Vermögen sinnvoll investieren, und zwar im Kontext von ‚sustainable finance’, definiert als Lösungen für soziale und ökologische Herausforderungen, die einen Profit generieren. Solche Investitionen können unter anderem einen zentralen Beitrag zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele der UNO leisten. Mit Philanthropie alleine ist diese nämlich nicht möglich. Paetzold unterstrich die Relevanz seines Ansatzes anhand konkreter Beispiele von ultrareichen Erben, welche ihre Vermögensverwaltung bereits dezidiert an Nachhaltigkeitskriterien ausrichten.

Nicht überraschend lösten die drei Referate eine angeregte Diskussion mit dem Publikum aus. Insbesondere die These von Paetzold, dass sich Nachhaltigkeit durch profitorientierte Investitionen von Superreichen erzielen lässt, führte zu kritischen Fragen beispielsweise betreffend die Rolle der Politik. In entspannter Atmosphäre wurde der Austausch zwischen Mitgliedern der Ethos Académie, Referenten und Gästen auch beim Apéro weitergeführt.

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